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Marktplatz 15 (ehem. Marktplatz 11) - Julius und Claire, Esther Stern

Julius Stern
*28.10.1890 in Breidenbach
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 26.04.2008

Claire Stern, geb. Thalheimer
*06.06.1896 in Sennfeld
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 26.04.2008

Esther Stern
*01.04.1926 in Gießen
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 26.04.2008

 

Standort Stolpersteine Marktplatz 15

Julius und Claire Stern

Julius Stern wurde 1890 in Breidenbach im Hinterland geboren. Als Julius 10 Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern und sechs Geschwistern nach Gießen in die Steinstraße 19, wo sein Vater Isaak Stern und sein Großvater Joseph Stern eine Manufakturwarenhandlung betrieben (Joseph Stern & Söhne). Von hier ging er zur Schule, machte eine kaufmännische Ausbildung und leistete Militärdienst.

Mit 30 Jahren heiratete er in Gießen Johanna Kaminka, die Uhrmachertochter aus dem Haus am Marktplatz mit der Nummer 11. Zwei Kinder kamen zur Welt: Helmut und Sonja. Nur wenige Jahre nach der Hochzeit starb Johanna Stern. Julius Stern, nun Witwer mit zwei kleinen Kindern, fand jedoch schnell seine zweite Ehefrau durch Vermittlung eines Rabbiners. Dies war Claire Thalheimer aus Sennfeld bei Adelsheim in Nordbaden.

Ein Jahr nach der Eheschließung kam 1926 die Tochter Esther zur Welt. Nun bestand die Familie aus sechs Personen, denn Jettchen Stern, eine ledige Tante von Julius Stern, lebte inzwischen mit der Familie zusammen. Tante Jettchen verstarb im Jahr 1940, ihr Grab ist auf dem Neuen Friedhof.

In dem prächtigen Fachwerkhaus am Marktplatz 11 wohnte die Familie Stern mit anderen jüdischen Familien zur Miete mehr als 10 Jahre lang. Da das Haus der Stadt Gießen gehörte, wurde schon zu Beginn der NS-Herrschaft den jüdischen Bewohnern gekündigt und so zogen die Sterns notgedrungen in die Löberstraße 20 um.

Obwohl sie der orthodoxen Religionsgemeinde angehörten, wurden die Kinder schon in jungen Jahren zionistisch geprägt und ausgerichtet. Beide Kinder konnten nach entsprechender Ausbildung und Vorbereitung nach Palästina auswandern. 1936 ging der Sohn Helmut, der sich in Palästina Joseph (Jossi) nannte, und 1938 folgte die Tochter Sonja.

Bereits 1935, also lange vor der Pogromnacht, zog die nunmehr 6-köpfige Familie erneut um, aus der Löberstraße 20 in das Ghettohaus Walltorstraße 48.

Nach dem 9. November 1938 wurde Julius Stern in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, gequält und gedemütigt, obwohl er Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg gewesen war, verwundet wurde und das Eiserne Kreuz erhielt.

Kurz vor der Deportation war Julius Stern drei Monate Zwangsarbeiter im Tiefbau. Von seinen sieben Geschwistern wurden vier nachweislich ermordet.

Julius Stern wurde 52 Jahre alt, seine Frau Claire Thalheimer wurde 48 Jahre und ihre Tochter Esther 16 Jahre alt.

 

Text: Christel Buseck und Horst Rohmer

Esther Stern

Esther Stern wurde am 01.04.1926 in Gießen geboren als Tochter von Julius und Claire Stern, geborene Thalheimer.

Vater Julius heiratete in 1. Ehe Johanna Rosalie Kaminka. Die Eheleute wohnten zunächst in der Steinstraße 19 und zogen 1922 in das Haus am Marktplatz (Nr. 11) um, vielen Gießenern als das Kaminka’sche Haus bekannt. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, Helmut, geb. am 15.06.1921, und Dora Bella Sonja, geb. am 19.06.1922. Die Familie gehörte der orthodoxen jüdischen Gemeinde mit der Synagoge in der Steinstraße an.

Die Mutter verstarb am 15.06.1923 und ist in Gießen auf dem Neuen Friedhof, in der jüdischen Abteilung in unmittelbarer Nähe der jüdischen Friedhofskapelle, begraben  

Der Vater heiratete am 24.12.1924 Claire Thalheimer. Ihnen wurde am 01.04.1926 eine Tochter geboren, die den Namen Esther erhielt. Die Familie lebte weiterhin am Marktplatz und die Kinder genossen das Leben in der Großfamilie.

Esther wurde am 12.04.1932 in der Schillerschule (Volksschule) eingeschult. Sie war eine aufgeweckte Schülerin mit guten Leistungen.

Ihre überlebenden Geschwister erinnern sich an Esther als ein kleines fröhliches, aufgeschlossenes und glückliches Mädchen. Im Oktober 1933 musste die Familie aus dem Haus am Marktplatz ausziehen und fand eine Wohnung in der Löberstraße 20 bei Familie Rosenberger. Diese jüdische Familie nahm Familie Stern auf, um mit den Mieteinnahmen eine Einnahme zum Lebensunterhalt zu haben. Am 01.02.1935 musste die Familie in das Ghettohaus Walltorstraße 48 ziehen.

Am 24.03.1938 musste Esther, wie viele andere jüdische Schülerinnen und Schüler in Gießen, die Schule laut Verfügung des Stadtschulamtes verlassen. Bemerkung im Klassenbuch: „Am 24.III. laut Verfügung des Stadtschulamtes entlassen.“ Zunächst wurde von der jüdischen Gemeinde eine Behelfsschule im Gemeindehaus der Synagoge in der Südanlage eingerichtet. Hier wurden die jüngeren jüdischen Kinder unterrichtet. Bei der Zerstörung der Synagoge in der Reichspogromnacht wurde auch das Gemeindehaus zerstört, so dass Unterrichtsräume nicht mehr zur Verfügung standen. Der Schülerin wurde somit jegliche Möglichkeit genommen, ihre Schulausbildung mit einem Abschluss zu beenden.

Aus der Steuerkarte vom 30.11.1940 geht hervor, dass Esther als Arbeiterin in der Gummifabrik eingesetzt war. Sie war zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt.

Die Lebensbedingungen für die Familie, die noch die Tante Jettchen Stern aufgenommen hatte, wurden immer schlechter. Immer wieder baten die Eltern in Briefen ihre Kinder Helmut und Sonja in Palästina um Hilfe zur Ausreise und forderten sie auf, alle Familienmitglieder, die schon im Ausland waren, in diese Bemühungen einzubinden.

Am 16.12.1938 schrieb Claire Stern ihrem Sohn Helmut nach Palästina, dass sie, Tante Jettchen, Esther und sie selbst, gesund seien, und dass sie dies auch vom Vater hoffe, der noch nicht von seiner Reise zurück sei. Damit umschrieb sie den Aufenthalt des Vaters im Konzentrationslager, in das er nach seiner Verhaftung in der Pogromnacht gebracht worden war. Aus den Briefen spricht die Verzweiflung der Mutter. Eine Ausreise in die USA war nicht möglich, da die Wartenummer der Familie sehr hoch war. Sie hoffte, dass die Familie Sonneborn in Baltimore, weitläufige Verwandte, helfen könnte. Helmut sollte die Familie anschreiben und um Hilfe bitten.

Eine Ausreise der kleinen Tochter Esther mit einem Kindertransport wird in Erwägung gezogen, die Möglichkeit einer Schülereinwanderung nach Frankreich zerschlägt sich aber.

Helmut schrieb am 03.01.1939 an die Familie Sonneborn und bat um Hilfe. Die entfernten Verwandten antworten, dass es ihnen nicht möglich sei, 1000 $ aufzubringen, da sie schon Anfragen von über 100 Verwandten und engen Freunden hätten. So erreichten die Kinder in Palästina immer verzweifeltere Briefe der Eltern, denen sie aber keine Hilfe zur Ausreise bieten konnten.

1940 verstarb Tante Jettchen, deren Grab auf dem Neuen Friedhof ist. Am 14.09.1942 wurde Esther mit ihren Eltern und allen anderen Juden, die zu dieser Zeit noch in Gießen lebten, in die Goetheschule gebracht. Die Familie konnte unter Aufsicht nur das Nötigste in einen Rucksack und einen Koffer einpacken. Zwei Tage später wurde die Gruppe nach Darmstadt deportiert und am 30. September wurde Esther mit ihren Eltern von hier aus in das Generalgouvernement (Polen) deportiert.

Auf der Steuerkarte findet sich der Vermerk: „verzogen am 01.11.42 nach unbekannt“.

Der Tag und der Ort ihrer Ermordung sind nicht bekannt. Am 08.05.1945 wurde Esther für tot erklärt.

 

Text: Trialogteam Ricarda-Huch-Schule

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