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02.09.2019

Matthew Cowan: The Scream of the Strawbear

Ausstellung in der Kunsthalle eröffnet am Freitag, 6. September

In seinen Fotografien, Videos, Installationen und Performances beschäftigt sich Matthew Cowan mit europäischen Bräuchen und der Rolle, die sie heute spielen. Rituale, Kleidung und Kostüme sind dabei zentral. In der Ausstellung The Scream of the Strawbear greift der Künstler unterschiedliche Traditionen aus der Umgebung Gießens auf. Statt zu dokumentieren, fokussiert er das Spektakuläre, Mysteriöse und Fremdartige. Dabei interessiert ihn vor allem das Spiel mit Maskerade, rituellen Handlungen und Objekten sowie der subversive Humor, den solche Bräuche stets in sich tragen, und überträgt dies in die zeitgenössische Kunst.

Für die Kunsthalle Gießen entwickelt Matthew Cowan eine Rauminstallation, die durch einen Vorhang bestimmt wird, der innerhalb der Kunsthalle einen eigenen Raum, eine eigene Welt erzeugt. Auf dem Stoff prangt das Gesicht eines Mannes, der von Stroh umgeben ist. Diese fast surreal anmutende Szenerie offenbart einen kurzen Augenblick der Transformation, in dem sich der reale Mensch zum Fantasieobjekt des Strohbären verwandelt. Neben den visuellen Elementen bezieht sich auch der Titel der Schau auf das Ritual des Strohbären und den Schrei, den dieser ausstößt. Als historische Vorläufer dieses Schreis können Bitt-, Spott- und Protestgesänge gelten, die während öffentlicher Umzüge und Prozessionen gesungen wurden. Der Strohbär trägt diese in verfremdeter Form und durch sein Kostüm unerkannt weiter. Wie auch der Maimann, mit dessen Tradition sich Cowan ebenfalls beschäftigt hat, gehört er zu den Jahreslaufbräuchen. Während der Karnevalszeit bzw. Pfingsten ziehen diese Wesen in verschiedenen Dörfern in Mittelhessen durch die Straßen, mit dem Ziel, Eier und Speck zu sammeln, die nach der Zeremonie gemeinschaftlich verspeist werden, während der Strohmann rituell dem Feuer geopfert wird. In vorindustriellen agrarischen Gesellschaften erinnerte das abgestorbene, trockene Stroh an den entbehrungsreichen Winter, der ausgetrieben werden sollte, während die Speisen das gute Leben heraufbeschworen. Der Maimann hingegen leitete mit seinem grünen Laubgewand den Sommer, eine fruchtbare Zeit, ein. In unserer von Überfluss geprägten Welt haben diese sinnbildlichen Figuren ihre vormals essentielle Bedeutung verloren. Indem Matthew Cowan fiktive Kostüme angefertigt, die einen vermeintlichen Brauch visualisieren, bringt er sie in einen quasi historischen Zusammenhang, der an den Mythos des Wilden Manns ebenso anknüpft wie an unterschiedliche Formen der Vermummung. Auf diese Weise betont er das Fremdartige, das trotz der geografischen Nähe in den Bräuchen impliziert ist. Gleichzeitig offenbart er die skulpturale Qualität der traditionellen Figuren. Mit Kostümen aus Kameras und Mikrophonen verweist er auf die Geräte, mit denen er selbst die verschiedenen Bräuche beobachtet und aufzeichnet.

Eine weitere Facette von Ritualen, die bereits viele Jahrzehnte weitergetragen werden, greift Matthew Cowan in seinem Herbarium auf. Getrocknet oder gepresst und auf ein Blatt geklebt, implizieren lokale Arzneipflanzen aus dem Botanischen Garten einen teilweise bis heute andauernden Aberglauben, in dem die Gewächse eine besondere Bedeutung innehaben. In der Ausstellung sind sie den Besucher*innen für die eigenständige Recherche zugänglich.

Auch das Akustische spielt eine wichtige Rolle in Matthew Cowans Ausstellung The Scream of the Strawbear. Basierend auf hessischen Sagen lässt der Künstler den neuseeländischen Sänger David Barnes eigene traditionelle Lieder dichten, die nun in der Ausstellung in Gießen zu hören sind. Durch Text und Sound verbindet Cowan neuseeländischen Gesang mit hessischen Überlieferungen.

Dem gegenwärtigen Umgang mit (vergangenen) Bräuchen spürt Matthew Cowan auch in verschiedenen historischen und volkskundlichen Museen nach. Ausgehend von seiner Einzelausstellung in der Kunsthalle hat er somit auch einen Gastauftritt im Oberhessischen Museum. Mit einer audio-visuellen Arbeit, die den Schrei des Strohbären aufgreift, bespielt er erstmals künstlerisch das oberste Geschoss des Heidenturms. Zudem zeigt er eine Intervention im Leib’schen Haus. Historische Pfeifen aus der Gail’schen Sammlung, traditioneller Dachschmuck und historische Besen aus dem Oberhessischen Museum werden Teil der Rauminstallation von Matthew Cowan in der Kunsthalle und damit in den Kontext der zeitgenössischen Kunst überführt.

Die Verbindungen von Disparatem zieht sich durch das Œuvre von Matthew Cowan. Geografische Grenzen verschwimmen ebenso wie die unterschiedlichen Bräuche, die er weltweit untersucht. Dazu zählt auch die wiederholte Verwendung von Tabakpfeifen innerhalb der Ausstellung. So bringt er die englische Tradition des Morris Tanzes, der teilweise um auf dem Boden platzierte Tonpfeifen herum aufgeführt wird, mit der historisch in der Umgebung Gießens verankerten Tabakindustrie zusammen. Dieser widmet sich auch eine Abteilung des Oberhessischen Museums und erhält mit einem Exponat Einzug in die Kunsthalle.

 

Kunsthalle in Kooperation mit dem Oberhessischen Museum und dem Literarischen Zentrum Gießen
Kuratiert von Dr. Nadia Ismail
Laufzeit: 07.09. – 17.11.2019

Eröffnung: Freitag, 06.09.2019, 19 Uhr, Kunsthalle Gießen / Hermann-Levi-Saal

Begrüßung: Dietlind Grabe-Bolz
Oberbürgermeisterin Stadt Gießen

Einführung: Dr. Nadia Ismail
Leiterin Kunsthalle Gießen und Kuratorin der Ausstellung
Dr. Katharina Weick-Joch
Leiterin Oberhessisches Museum

Der Künstler ist anwesend.

Matthew Cowan (*1974, Auckland, Neuseeland)

Er lebt und arbeitet in Berlin.
Nach einem Studium der Psychologie in Auckland, Neuseeland studierte er Bildende Kunst an der University of Northumbria in Newcastle upon Tyne, Großbritannien. Zurzeit promoviert er an der Academy of Fine Arts in Helsinki, Finnland.

Rahmenprogramm

10 Fragen an…
Matthew Cowan
mit Dr. Katharina Weick-Joch (Leiterin Oberhessisches Museum), Prof. Volker Wissemann (Leiter Botanischer Garten) und Dr. Nadia Ismail (Leiterin Kunsthalle)
Donnerstag, 31.10.2019, 19 Uhr

Lesung
von Nico Bleutge
in Kooperation mit dem Literarischen Zentrum Gießen
Donnerstag, 14.11.2019, 19 Uhr

Dialogführung
mit Marta Dannoritzer, Kunsthalle Gießen und Natascha Lenz, Oberhessisches Museum
Donnerstag, 26.09.2019, 17 Uhr

Familienworkshop ‚Maskerade‘
Für Kinder ab 6 Jahren gemeinsam mit ihren Eltern
Sonntag, 20.10.2019, 11 Uhr
Treffpunkt: Kunsthalle
Anmeldung bis 16.10.2019 unter kunsthalle@giessen.de

Führung der Kuratorin
Donnerstag, 07.11.2019, 17 Uhr

 

Herzlicher Dank an David Barnes, Boss Morris, Prof. Dr. Siegfried Becker (Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft, Philipps-Universität Marburg), Freiwillige Feuerwehr Rittershausen, Freiwillige Feuerwehr Steinbrücken, Traditionsverein Königsberg, Prof. Dr. Volker Wissemann (Wiss. Leiter des Botanischen Gartens Gießen)

Die Ausstellung wird unterstützt von der Canon Giessen GmbH und dem Verein Ehrenamt Gießen.

 

Kunsthalle Gießen

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