Rathaus

Seiteninhalt
01.07.2019

111 Jahre Stadttheater

Jubiläumsspielzeit am Stadttheater Gießen lockt rund 115.000 Zuschauer*inen in 524 Vorstellungen

Seit 111 Jahren steht das Stadttheater Gießen als lebendiges „Denkmal Bürgerlichen Gemeinsinns“ am Berliner Platz. Am Wochenende ging nun die äußerst erfolgreiche Jubiläumsspielzeit, die unter dem Motto EINS EINS EINS stand, zu Ende. Mit der typischen Gießener Spielplan-Mischung aus Bekanntem und Beliebtem sowie noch unbekannten oder neu zu entdeckenden Raritäten ist es dem Stadttheater Gießen unter Intendantin Cathérine Miville erneut gelungen, das Publikum mit einem facettenreichen Programm zu begeistern und auch zu fordern: Rund 115.000 Zuschauer*innen erlebten die Veranstaltungen in Gießen und bei Auswärtsgastspielen in dieser Saison. Aus dem außergewöhnlich reichhaltigen Programm der rund 30 Premieren sowie zahlreichen Wiederaufnahmen, über 20 Konzerten und einer Vielzahl an Gastspielen sowie Diskussions- und Sonderveranstaltungen erzielten auch wieder zahlreiche Produktionen aller Sparten überregionale Aufmerksamkeit.

Die Gießener Theatermacher*innen hatten sich für 18_19 schwerpunktmäßig vorgenommen, mit anregenden ästhetischen Ausdrucksformen die besondere Vielfalt der Gießener Stadtgesellschaft aufzunehmen, sich virulenten Themenkomplexen der Zeit künstlerisch zu nähern und das Stadttheater weiterhin auf möglichst breiter Basis als Erfahrungsraum der Demokratie und Ort des Dialogs zu öffnen. So wurde die taT-studiobühne während der Europawoche zum TREFFPUNKT EUROPA: Zahllose Veranstaltungen und Aktionen, die gemeinsam von Initiativen, Gruppen, Hochschulen und Politiker*innen realisiert wurden, hatten zum Ziel, möglichst viele Menschen zur Beteiligung an der Europawahl zu motivieren. Dabei sind Netzwerke entstanden, die auch über die Europawahl hinaus aktiv bleiben werden. Der Diskurs mit der (Stadt-)gesellschaft wurde daneben mit der bundesweiten Diskussionsreihe DIE OFFENE GESELLSCHAFT fortgeführt, die sich neben Europa mit den Themen Glaube und Religion sowie Fridays for Future beschäftigte.

Ein für Gießen und das Stadttheater einmaliges Ereignis war die szenische Aufführung der Orchestersuite SURROGATE CITIES des international renommierten Komponisten und Theaterwissenschaftlers Heiner Goebbels in der Gießener Osthalle, dem Heimspielort der Basketball-Bundesligisten Gießen 46ers. Rund 400 Beteiligte hatten zu dem Erfolg der spartenübergreifenden Großveranstaltung beigetragen: neben Leitungsteam und Technik das um 27 Gäste erweiterte Philharmonische Orchester Gießen unter der Musikalischen Leitung von Kapellmeister Martin Spahr, ein Team aus Choreographen und Breakdancern unter der szenischen Gesamtleitung von Tarek Assam, die mit der technischen Einrichtung betraute Firma Flashlight, die internationalen Gesangsstars Jocelyn B. Smith und David Moss sowie rund 300 SchülerInnen der Gießener Ostschule. Über 2000 Zuschauer*innen erlebten dieses jugendlich-dynamische Educationprojekt, das eine Förderung im Rahmen des Programms „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien möglich gemacht hatte.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen prägten auch die Schauspielsparte. Die Verbrecherballade JOHNNY BREITWIESER (DE) von Thomas Arzt erzählte vom Verlust des Vertrauens und einer bürgerlichen Mitte, CAPITALISTA, BABY! lieferte nach dem Roman „The Fountainhead“ von Ayn Rand einen positiv irritierenden Beitrag zum Verständnis der gegenwärtigen Umwälzungen in der westlichen Welt. Mit der Schauspieladaption ORLANDO nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf war eine multimedial geprägte, heutige Lesart des feministischen Klassikers zu sehen, der die Lebensgeschichte der Autorin mit der Romanhandlung verknüpfte. Klassiker wie Shakespeares ROMEO UND JULIA wurden ergänzt durch Überschreibungen klassischer Stücke (VILLA DOLOROSA von Rebekka Kricheldorf frei nach Tschechows „Drei Schwestern“) sowie zeitgenössischen Stoffen wie PANIKHERZ nach Benjamin von Stuckrad-Barre oder KURZE INTERVIEWS MIT FIESEN MÄNNERN nach David Foster Wallace (beide in der taT-studiobühne).

Das Kinder- und Jugendtheater überzeugte nicht allein in der spartenübergreifenden Stückentwicklung WOLLI UND DAS KNÄUEL, sondern auch in einem ganzjährigen Angebot für Kinder ab dem Vorschulalter, Jugendliche und junge Erwachsene: Zum Jubiläumsjahr verzauberte mit Gertrud Pigors Familienstück JUPP - EIN MAULWURF AUF DEM WEG NACH OBEN ein märchenhaftes Stück Theater im Theater kleine und große Zuschauer*innen. Eine Inszenierung für Jugendliche und Erwachsende von Kafkas immerwährend aktueller Erzählung DIE VERWANDLUNG spürte Intensitäten, Schwingungen, Tönen, Farben und Empfindungen Kafkas rätselhafter realistisch-phantastischer Welt nach. Großen Anklang fanden erneut auch die Familien- und Schülerkonzerte, die jedes Jahr in Kooperation mit Schulen und vielen SchülerInnen der Stadt und des Landkreises aufgeführt werden. Und in den Jugendclubs des Stadttheaters entstanden erneut mehrere phantasievolle, engagierte Produktionen.

Das Musiktheater spannte in der vergangenen Saison einen besonders weiten Bogen durch die Epochen, mit namhaften Gastdirigenten, einer konzertanten Humperdinck-Aufführung und – erstmals in der Geschichte des Hauses – einem Auftragswerk.

Eine doppelte Rarität eröffnete die Musiktheatersaison: Giordanos selten gespielte Oper MALA VITA wurde durch Werke des legendären Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo kontrastiert. Überregionales Interesse rief insbesondere auch die Uraufführung ALP ARSLAN hervor: Erstmals war eine Oper im Auftrag des Stadttheaters komponiert worden. Komponist Richard van Schoor und Librettist Willem Bruls erzählen in diesem Requiem auf Aleppo von orientalischen Welten längst vergangener Zeiten, die uns der beeindruckende Opernabend sehr nahe zu bringen vermag.

Mit Georg Friedrich Händels frühem Oratorium LA RESURREZIONE – Die Auferstehung setzten Regisseur Balázs Kovalik und Generalmusikdirektor Michael Hofstetter ihre künstlerische Zusammenarbeit fort. Zu einem großen Erfolg entwickelte sich auch Mozarts LE NOZZE DI FIGARO, womit das Da-Ponte-Operntriptychon unter der musikalischen Leitung von GMD Michael Hofstetter seinen Abschluss fand.Auch die Fans der leichteren Muse kamen auf ihre Kosten: in der neuen Produktion der SCHMACHTIGALLEN und bei PUMUCKL – Das Musical, das mit viel Schabernack und einer verschmitzten Partitur überzeugte.

Die Tanzcompagnie Gießen zeigte sich reisefreudig: In dem zweiteiligen Tanzabend GLOBETROTTER (UA) legten die Choreographen ungewöhnliche Visionen des Welt-Erkundens frei. Mit WEGERZÄHLUNGEN war ein Klassiker der choreographischen Avantgarde von Choreograf Daniel Goldin in der taT-studiobühne zu sehen. Ballettdirektor Tarek Assam warf in METROPOLIS – Futur Drei (UA) auf mehreren Ebenen einen Blick in die Zukunft. Zum mittlerweile 17. Mal waren beim Festival TanzArt ostwest Tanzcompagnien aus dem In- und Ausland in Gießen zu Gast, die auf den Bühnen des Stadttheaters, aber auch an außergewöhnlichen Orten in der Stadt (wie z.B. dem Hubschrauberlandeplatz im Luftrettungszentrum) avantgardistische Performances zeigten. Erstmalig kooperierte das TanzArt ostwest-Festival mit der Hessischen Theaterakademie.

Renommierte internationale Solisten und namhafte Dirigenten, klassische sowie Neue Musik: In neun eigenen Sinfoniekonzerten bot das Philharmonische Orchester Gießen wieder ein abwechslungsreiches Konzertprogramm, wobei die Aufführung von Gustav Mahlers 5. Sinfonie unter der Musikalischen Leitung von Gastdirigent Florian Ludwig einen absoluten Höhepunkt darstellte. Der stellvertretende GMD Jan Hoffmann setzte die Kooperation mit der Wetzlarer Singakademie und dem Gießener Konzertverein in zwei Chorkonzerten eindrucksvoll fort, darunter die Wiederentdeckung von Max Bruchs MOSES-Oratorium. Familien- und Schülerkonzerte sorgten für einen niedrigschwelligen Zugang zur klassischen Musik vor allem für kleine Musikfreunde und bewiesen mit WIE ROSSINI DEN WALDHÖRNERN DAS SINGEN BEIBRACHTE – einem eigens von der Horngruppe des Orchesters konzipierten Konzert für 4 Hörner und einen Bariton – eindrücklich ihre kreative und innovative Strahlkraft.

Nach vier Jahren Pause kehrte mit der Langen Theaternacht ein beliebtes Format zurück und lockte nicht nur Studierende, um eine ganze Nacht lang Theater auf schräg originelle Art und Weise zu entdecken. Unter dem Motto DER UNTERGANG DER ABENDLAND öffneten sich Türen und Wege, die im normalen Theaterbetrieb den Zuschauer*innen verschlossen bleiben, auch waren auf, hinter und unter der Bühne zeitgenössisches Tanztheater, Live-Bands, Walk Acts, Lesungen und Showeinlagen von Ensemblemitgliedern und Theatermitarbeiter*innen zu erleben.

 

Seite drucken:

Seite empfehlen: