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28.09.2020

Wegen des Klimawandels: Im Bestattungswald müssen Bäume gefällt werden

Der Klimawandel hat leider auch vor Bäumen im Gießener Bestattungswald nicht Halt gemacht. Bei den jährlich stattfindenden Baumpflegearbeiten hat es sich in diesem Jahr herausgestellt, dass wegen fehlender Standfestigkeit oder wegen des drohenden Ausbruchs von Ästen oder gar ganzer Kronen 10 Bäume gefällt und 22 stark eingekürzt werden müssen. Es handelt sich überwiegend um Buchen vor allem im südöstlichen Teil des Waldes, die durch den Wassermangel der vergangenen Jahre teils irreparabel geschädigt sind. Unter den 10 Bäumen, die gefällt werden müssen, sind auch solche, die bereits als Ruhestätte genutzt werden. An sechs der zu fällenden 10 Bäume sind insgesamt 20 Ruhestätten angelegt. Die Friedhofsverwaltung hat mit den betroffenen Angehörigen/Freund*innen der dort Ruhenden direkt Kontakt aufgenommen, um im Gespräch zu klären, ob und wie die Ruhestätten so umgestaltet werden können, damit sie auch künftig den sehr individuellen Anforderungen an einen Trauerort gerecht werden.

An den 22 Bäumen, die stark eingekürzt werden müssen, sind ebenfalls Teile bereits als Ruhestätte genutzt. An 15 der 22 Bäume sind insgesamt 56 Urnen beigesetzt. Diese Bäume werden stehen bleiben, jedoch im oberen Bereich je nach Grad der Schädigung ausgedünnt oder gekürzt. Die Angehörigen/Freund*innen der dort Ruhenden wurden ebenfalls informiert. Die Fachleute gehen in diesen Fällen aber davon aus, dass die Bäume durch diese Maßnahmen in ihrer Überlebensfähigkeit über eine gewisse Zeit gestärkt werden. Eine genaue Prognose sei allerdings nicht möglich.

Die Fällungen und Einkürzungen werden in der zweiten Oktober-Hälfte (ab dem 19.10.20) stattfinden. Bis dahin muss der Bestattungswald in dem betroffenen Gebiet gesperrt bleiben, um Gefahren für Besucher*innen abzuwehren. In dieser Zeit wird es auch keine Beisetzungen in diesem Gebiet geben können. Die Bestatter wurden darüber informiert.

Die zuständige Dezernentin, Stadträtin Gerda Weigel-Greilich, zeigte sich angesichts der Auswirkungen erschüttert: „Diese Nachricht macht uns sehr zu schaffen, da wir um die Wichtigkeit eines würdigen Trauerortes wissen. Sie kam in dieser Dimension für uns auch sehr unerwartet. Zu den Fällungen und Einkürzungen gibt es aber leider keine Alternative. Die Bäume sind tatsächlich zu einer Gefahr für jeden Trauernden geworden, der die Ruhestätte besuchen möchte. Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um die Ruhestätten gemeinsam mit den Angehörigen in einen Zustand zu versetzen, der dem Wunsch der dort Ruhenden weitgehend entspricht.“

Dass Neupflanzungen mit großen Bäumen genau an der Stelle erfolgen können, scheint dabei allerdings derzeit kaum vorstellbar. „Die Baumpfleger können die Bäume nicht mit den Wurzeln entnehmen, da in diesem Bereich auch Urnen liegen können. Die Totenruhe darf natürlich nicht gestört werden. Die Bäume müssen in Hüfthöhe gekappt werden. Dadurch gibt es auch die Möglichkeit, die Namensplaketten weiterhin anzubringen. Derzeit erörtern unsere Fachleute, welche Möglichkeiten sonst bestehen, dem gewünschten Ruheort im Wald in der Gestaltung möglichst nahe zu kommen. Wir werden dies direkt mit den Angehörigen und Freunden der Verstorbenen besprechen. Trauerorte sind sehr individuell. Da wird es kein festes Schema geben können,“ so Weigel-Greilich.

Dass der Bestattungswald als Beisetzungsform damit insgesamt ausgedient hat, möchte Weigel-Greilich jedoch nicht prognostizieren. „Der Klimawandel ist da und er ist überall spürbar. Die Wälder werden sich leider verändern, auch die Bestattungswälder. Wir werden uns darauf einstellen müssen. Gegebenenfalls werden wir neue Waldstücke suchen müssen, in denen der Baumbestand besser geeignet ist, unter dem gegebenen Wassermangel und der langen Trockenheit dort diese speziellen Ruheformen anzubieten. Auch werden wir die Form eines Trauerhaines - also einer künstlich angelegten Baumfläche mit resistenteren Arten und Wiesen - stärker in den Fokus nehmen. Auch diese Bestattungsform kann für all die attraktiv sein, die sich einen natürlichen Ruheort unter Bäumen wünschen.“

Um auf mögliche Verunsicherungen und Befürchtungen derjenigen zu reagieren, die bereits aus Vorsorge Nutzungsrechte im Bestattungswald als letzte Ruhestätte erworben haben, macht Weigel-Greilich ein Angebot: „Wir werden jedem Nutzungsberechtigten einer unbelegten Grabstelle, der sich angesichts der Veränderung der Wälder nun gegen eine solche Ruhestätte im Bestattungswald entscheidet, die entsprechend bereits gezahlten Nutzungsgebühren zurückzahlen.“

Möglicherweise sei dazu noch eine Änderung der Friedhofsgebührenordnung nötig. „Ich gehe aber davon aus, dass in dieser Lage alle pragmatisch an einem Strang ziehen. An dieser Situation ist niemand direkt schuld. Ich möchte den Menschen, die bewusst Vorsorge getroffen haben, aber skeptisch sind, ehrlich gegenübertreten: Kein Mensch weiß derzeit, wie sich die Lage in den Wäldern entwickelt. Was für das ganze Leben gilt, gilt eben auch für den Umgang mit dem Tod. Alles ist in Veränderung. Erst recht in Zeiten des Klimawandels.“

 

Antworten auf die wichtigsten Fragen finden Sie hier in den FAQs

Fragen können auch per Mail gerichtet werden an bestattungswald@giessen.de 

Telefonische Auskunft erhalten Angehörige und Betroffene unter Tel.: 0641 306-1778.

 

Aus der folgenden Karte können Sie entnehmen, welcher Baum von welcher Maßnahme betroffen ist (Download PDF):

 

Hintergrund

Der Bestattungswald Gießen wurde im Jahr 2012 mit 378 Bäumen eröffnet und 2018 um 39 Bäume erweitert. Aktuell stehen damit 417 Bäume - und zwischen 3000 und 3500 Grabstellen - für eine Belegung mit Urnen im natürlichen Waldumfeld zur Verfügung. In Erinnerung an die Verstorbenen können am Baum Erinnerungstafeln angebracht werden, anderer Schmuck ist nicht erlaubt.

Insgesamt sind derzeit rund 1.650 Nutzungsrechte als Urnenbeisetzungsstätten bei der Friedhofsverwaltung erworben worden -also circa die Hälfte des Bestandes. Bis heute sind an diesen ausgewiesenen Stellen 987 Bestattungen erfolgt.

Die Bäume können entweder als ganzer Familien- und Freundschaftsbaum oder als einzelner Platz an einem Gemeinschaftsbaum erworben werden. An den „Familien- und Freundschaftsbäumen“ stehen jeweils 6 Bestattungsstellen zur Verfügung. An den Gemeinschaftsbäumen können bis zu 12 Beisetzungsstellen genutzt werden.

Von den 32 nun durch Fällung und Kürzung betroffenen Bäume sind 82 Stellen bereits belegt, 56 Stellen in Vorsorge erworben und bisher ungenutzt. An 4 zu fällenden und 7 zu kürzenden Bäumen bestehen bislang keine Nutzungsrechte.

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