Menschliche Geschichte bewahren - Innovative Methode zur Konservierung von Human Remains im Museum für Gießen
Mumien und mumifizierte menschliche Überreste, oft Human Remains genannt, sind Momentaufnahmen vergangener Zeiten und helfen gleichzeitig, Erkenntnisse für unsere Gegenwart zu erlangen. So liefern Untersuchungen an diesen Kulturgütern beispielsweise Infos zu historischen Epochen sowie Erkenntnisse zur Bevölkerungsgeschichte und dazu, wie sich Krankheitserreger im Laufe der Zeit entwickelt haben. Für diese Forschung müssen die Human Remains aber gut erhalten, konserviert und vor Pilz- und Bakterienbefall geschützt werden. Eine innovative Lösung dafür wird derzeit auch im Museum für Gießen angewandt: die Aufbewahrung in sogenannten Conservation Soft Boxes.
„Hierbei handelt es sich um ein transportfähiges und stabiles System aus Polyethylenmaterialien, also Plastik, und Stoff. Die gewählten Materialien reagieren nicht mit den Mumien und geben keine Stoffe an sie ab. Wir können eine sichere Atmosphäre mit der benötigten Luftfeuchtigkeit und ohne Sauerstoff herstellen, um die Mumien zu schützen“, erklärt der Anthropologe Prof. Dr. Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung des Eurac Forschungszentrums, einem privaten Forschungszentrum in Bozen, Südtirol. Gemeinsam mit den Mumienkonservierungsexpert*innen Matilde Veneziano und Marco Samadelli untersucht und konserviert er aktuell vier Mumien im Museumsdepot des Museums für Gießen.
Bei diesen Mumien handelt es sich um eine liegende Mumie, vermutlich aus Ägypten, sowie drei hockende Mumien – zwei Erwachsene, männlich und weiblich, sowie ein Kind –, die vermutlich aus Südamerika stammen. „Die Dokumentation zum Hintergrund dieser Human Remains ist leider lückenhaft. Wir sind bemüht, diese Lücken zu schließen und weiter zu erforschen, woher die Mumien stammen. Denn das langfristige Ziel ist schließlich, die Mumien wieder an ihren Herkunftsort oder sogar zu ihren Angehörigen zurückzuführen“, erklärt Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch. Die Mumien werden im Museum für Gießen nicht mehr ausgestellt, sind aber für Wissenschaftler*innen und deren Forschung weiterhin zugänglich. „Wir möchten verantwortungsvoll mit diesen menschlichen Überresten umgehen, denn es handelt sich nicht um Ausstellungsobjekte, sondern um einst lebende Menschen“, betont Dr. Weick-Joch. Das Museum folgt daher mit Zustimmung des Stadtparlamentes den ethischen Richtlinien des Deutschen Museumsbunds und des International Council of Museums. Auch invasive Untersuchungen, wie etwa die Entnahme von Probenmaterial für beispielsweise DNA-Analysen wird nur unter besonderen Umständen vorgenommen. Das Teilen des Körpers ist mittlerweile nicht mehr zulässig. Viele Erkenntnisse über die Mumien lassen sich inzwischen mittels Computertomographie feststellen. Das ist auch mit den Conservation Soft Boxes möglich. Früher war der Umgang mit den Gießener Mumien weniger sensibel als heute. Bis 2014 waren die Mumien im Keller des Wallenfels’schen Hauses ausgestellt, zeitweise auch im Alten Schloss gelagert. Zuvor gehörten sie zum früheren Museum für Völkerkunde. Trotz des wenig achtsamen Umgangs damals sind die Mumien gut erhalten. Das soll auch weiterhin so bleiben.
Die neue Konservierungsmethode mit den Conservation Soft Boxes erleichtert die Aufbewahrung und Forschung an den Human Remains enorm. „Ein besonderer Vorteil der Conservation Soft Box liegt in ihrer Vielseitigkeit. Sie lässt sich mit einfachen Mitteln aufbauen, benötigt nach der Einrichtung kaum Wartung und kann sowohl in Museen als auch bei Transporten oder Forschungsarbeiten eingesetzt werden Es handelt sich um eine sogenannte passive Vitrine, die ganz ohne Strom auskommt“, führt Prof. Dr. Zink aus.
Die Boxen sind luftdicht verschlossen und schaffen stabile, kontrollierte Bedingungen für eine sichere und langfristige Aufbewahrung. Ein Aktivkohlefilter bindet Gase, die aus organischen Resten freigesetzt werden könnten. So lassen sich weitere Untersuchungen durchführen, wie etwa zu den verwendeten Einbalsamierungsstoffen und -methoden, aus denen sich wiederum Rückschlüsse auf Herkunft und Alter der Mumien ziehen lassen. Dank speziell angefertigter Silikagel-Beutel bleibt die Luftfeuchtigkeit in der Box konstant. Jede Box wird individuell an die jeweilige Mumie angepasst. Trotz des umfassenden Schutzes sind weiterhin Probenentnahmen für wissenschaftliche Analysen möglich. Auch empfindliche Artefakte aus Stoff, Papier oder Holz können in den Boxen sicher konserviert werden. Ein weiterer Vorteil: Im Vergleich zu herkömmlichen Glasvitrinen sind die Conservation Soft Boxes deutlich kostengünstiger – ein entscheidender Pluspunkt für Institutionen, die nur über begrenzte Mittel zum Erhalt des kulturellen Erbes verfügen.