Erleben

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Landgrafenstraße 8 - Johanna Sander, Bertha Sander, Flora Rizzi, Hugo und Johanna Elsoffer, Louise Kamins-Sher, Ruth Edith Chambré

Johanna Sander, geb. Jochsberger
*09.09.1876 in München
deportiert am 27.09.1942 ab Darmstadt nach Theresienstadt
überlebte; emigrierte 1947 zu Tochter Flora Sander nach Frankreich
Stolperstein verlegt am 22.10.2009

Bertha Sander
*06.07.1900 in Gießen
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt nach vermutlich Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 22.10.2009

Flora Rizzi, geb. Sander, verw. Michaelis
*28.09.1903 in Gießen
vor 1937 Flucht über die Schweiz und Italien nach Frankreich
Stolperstein verlegt am 22.10.2009

Hugo Elsoffer
*19.06.1878 in Gießen
verschleppt nach Buchenwald am 11.11. 1938
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 22.10.2009

Johanna Elsoffer, geb. Cohen
*20.12.1883 in Hamburg
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 22.10.2009

Louise Kamins-Sher, geb. Elsoffer
*22.05.1909 in Gießen

Flucht in die USA
Stolperstein verlegt am 22.10.2009

Ruth Edith Chambré, geb. Elsoffer
*18.02.1911 in Gießen
Flucht 1933 nach Südfrankreich; 1935 nach Palästina
trifft dort Jugendfreund Ernst Ludwig Chambré (Lich); mit ihm Emigration in die USA
Stolperstein verlegt am 22.10.2009

 

Standort Stolpersteine Landgrafenstraße 8


Johanna Sander

Johanna Sander, geb. Jochsberger, geb. 9. Sept. 1876 in München, 1942 deportiert nach Theresienstadt, überlebt. Emigration nach Frankreich 1947. Todesdatum unbekannt.

Ihre Eltern waren Moritz Jochsberger, Hotelier und Rosalie Jochsberger, geb. Bühler. Johanna hatte drei Brüder: Berthold (geb. am 4.1.1878 in München), Ernst (geb. 26.6.1879 in München) und Siegfried (geb. 3.9.1883 in München; Flucht 1938 nach Paris, von dort deportiert nach Auschwitz).

Johanna kommt mit ihrem Mann Dr. David Sander 1897 nach Gießen.

Adressen:

  • Gießen
    • Landgrafenstr. 8 - bis Sept. 1942
    • Wilhelmstr. 76 - 6.9.1945
    • Goethestr. 23 - 1947
    • Frankreich
      • Beausoleil, 1.11.1947; 68, av. Mal. Foch;  Dept. Alpes Maritimes

Das Ehepaar Sander hat drei Kinder: Hugo (geb. 11.06.1899), Bertha (geb. 06.07.1900) und Flora (geb. 11.07. 1902). Die Familie lebt in der Landgrafenstr. 8.

Tochter Flora heiratete 1928 und zog nach Frankfurt. Sohn Hugo zog 1933 nach Frankfurt, und starb dort 1936. Ehemann David starb 1939.

Mit ihrer Tochter Bertha wurde Johanna Sander zunächst in das Sammellager Goetheschule in Gießen, und von dort nach Darmstadt in ein weiteres Sammellager verschleppt. Sie wurde von ihrer Tochter Bertha getrennt, und mit den Gießener und oberhessischen Juden am 27.9.1942 ab Darmstadt nach Theresienstadt transportiert. Sie überlebte und kehrte mit mehreren Gießener Juden 1945 nach Gießen zurück. Das Haus Landgrafenstraße 8 war zerstört.

Ab 1. Nov. 1947 wohnte sie bei ihrer Tochter Flora in Beausoleil, Dpt. Alpes-Maritimes (Frankreich; diese Kleinstadt grenzt unmittelbar an Monaco).

Bertha Sander

Bertha Sander, geb. 6. Juli 1900 in Gießen, am 30. Sept. 1942 ab Darmstadt deportiert nach Ostpolen (vermutlich Treblinka) und ermordet.

Adressen:

  • Gießen
    • Landgrafenstr. 8 - 6. Juli 1900 bis August 1933
    • - " - Okt. 1933 bis Sept. 1934
    • - " - April 1935 bis ...
    • Bad Kissingen, Salinenstr. 39 - August bis Oktober 1933
    • Berlin-Wilmersdorf - Sept. 1934 bis April 1935

Ihre Eltern waren Dr. David Sander, geb. 13. Sept. 1867 in Kurnik/Bez. Posen, Provinzialrabbiner in Gießen, gest. 19. April 1939 in Gießen, und Johanna Sander, geb. Jochsberger, geb. 9. Sept. 1876 in München, Todesdatum nicht bekannt.

Bertha hatte einen älteren Bruder Hugo Sander, geb. 18. Juni 1899 in Gießen, gest. am 14. Mai 1936 in Frankfurt, und eine jüngere Schwester. Flora Sander, geb. am 28.09.1902, geb. Sander, verh. Michaelis (1928), verwitwet; gesch. Rizzi (1952), Wiederannahme des Geburtsnamens Sander, Todesdatum unbekannt.

Bertha war Turnlehrerin. Die Mutter gibt in der Wiedergutmachungsakte an: Studium an den Universitäten Gießen und Marburg, Examen als Lehrerin für Sport- und Heilgymnastik. Seit 1939 Kriegsdienst.

Im September 1942 wird sie mit ihrer Mutter in das Sammellager Goetheschule Gießen gezwungen. Zusammen mit den Gießener und oberhessischen Juden gelangen sie in Darmstadt in ein weiteres Sammellager. Johanna Sander und ihre Tochter werden am 27.09.1942 voneinander getrennt. Die Mutter Johanna wird ins KZ Theresienstadt deportiert, aber überlebt.

Bertha wird dem Transport nach Ostpolen (damals: Generalgouvernement) zu geteilt. Am 30.09.1942 fährt der Zug in Darmstadt ab in eines der Vernichtungslager, vermutlich Treblinka. Die Menschen werden unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet.

Flora Rizzi, geb. Sander

Flora Sander, geb. am 28.09.1903 in Gießen, verh. Michaelis (1928), verwitwet; gesch. Rizzi (1952), Wiederannahme des Geburtsnamens Sander, Todesdatum unbekannt.

Adressen (Meldekartei Stadtarchiv Gießen):

  • Gießen
    • Landgrafenstr. 8 - 28. Sept. 1903 bis September 1921
    • - " - April 1922 bis September 1923
    • München, Glücksstr. 3 Sept. 1921 bis April 1922
    • Berlin, Brunnenstr. 41 September 1923 bis April 1924
    • Frankfurt, Fürstenbergstr. 1 Juli 1928 bis ??
    • Nizza 1946
    • Beausoleil November 1947, (Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518/26566); 68, av. Mal. Foch; 2 Dépt. Alpes-Maritimes

Ihre Eltern waren Dr. David Sander, geb. 13. Sept. 1867 in Kurnik/Bez. Posen, Provinzialrabbiner in Gießen, gest. 19. April 1939 in Gießen, und Johanna Sander, geb. Jochsberger, geb. 9. Sept. 1876 in München, Todesdatum nicht bekannt.

Flora hatte einen älteren Bruder Hugo, geb. 18. Juni 1899 in Gießen, gest. am 14. Mai 1936 in Frankfurt, und eine ältere Schwester Bertha, geb. 6. Juli 1900 in Gießen, deportiert und ermordet im September 1942.

Flora besuchte die Höhere Mädchenschule (heute Ricarda-Huch-Schule) in Gießen. Sie verließ Gießen am 22. Sept. 1921 und zog nach München. Sie besuchte dort (vermutlich) die Kunstgewerbeschule. Im April 1924 kehrte sie nach Gießen zurück. In der Einwohnerkartei ist sie mit "Kunstgewerblehrerin" verzeichnet. Im September 1923 ging sie nach Berlin, Brunnenstr. 41. Dies ist die Adresse des Frauenvereins der Berliner Logen. Dort befand sich ein Mütter- und Säuglingsheim; junge Frauen wurden zu Kinderpflegerinnen aus gebildet. Sie kehrt im April 1922 nach Gießen zurück, und ist in der Meldekartei mit der Angabe "Säuglingsschwester" "ärztliche Assistentin" verzeichnet.

Mit der Eintragung "am 3.7.28 nach Frankfurt, Fürstenbergstr. 1, dort verheiratet mit ... Michaelis" enden die Eintragungen zu ihrer Person in Gießen (Ort und Datum der Heirat weder in Gießen noch in Frankfurt verzeichnet).

In Frankfurt, Standesamt, konnte die Geburt von Tochter Traute, am 16. Juni 1929 ermittelt werden, leider ohne Adresse.

Von Flora ist ab 1946 in der Wiedergutmachungsakte ihrer Mutter Johanna Sander zu lesen. Vor der Emigration der Mutter nach Frankfurt musste die Tochter eine Einkommenserklärung abgeben.

Zu ihrem Ehemann Julius Michaelis ist der Wiedergutmachungsakte nichts zu entnehmen. Wie Flora als Jüdin in Frankreich überleben konnte, wann sie bzw. ihre Familie dorthin flohen, konnte nicht ermittelt werden.

Ihre Tochter Traute (ob sie Geschwister hatte ist bisher nicht bekannt) wäre mit aktuellem Stand die einzige Tochter.

Hugo und Johanna Elsoffer

Hugo Elsoffer wurde am 19.06.1878 in Gießen geboren.

Sein Vater war Samuel Elsoffer, Kaufmann, 1852-1911, begraben auf dem Neuen Friedhof in Gießen (1). Seine Mutter war Karoline Elsoffer, 1852-1913, begraben auf dem Neuen Friedhof in Gießen (2).

Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaft von 1898 bis 1901 an der Gießener Universität. Am 6. Juni 1905 wurde er vom Landgericht zugelassen. Die Zulassung wurde am 1. Nov. 1938 gelöscht, mit Wirkung vom 30.11.1938 (3).

Hugos erste Ehefrau war Johanna Elsoffer, geb. Rothenberger aus Heuchelheim, geb. 17.07.1887. Sie ist die Mutter der beiden Töchter, Louise, geb. 22.05.1909, und Ruth Edith, geb. 18.02.1911. Johanna starb am 09.04.1917 in Gießen und ist auf dem Neuen Friedhof begraben (4).

Hugos zweite Ehefrau, ebenfalls mit Vornamen Johanna, geb. Cohen, geb. 20.12.1883, war in Hamburg geboren.

Das Ehepaar Elsoffer drängte die beiden Töchter frühzeitig zur Flucht aus Deutschland. Hugo Elsoffer wurde am 11. November 1938 in das KZ Buchenwald verschleppt (Nummer 23 174 oder 23175) und am 10.12.1938 entlassen.

Im September 1942 wurden Hugo und Johanna Elsoffer - wie alle Gießener Juden - zum Sammellager Goetheschule gezwungen, von dort zusammen mit den oberhessischen Juden nach Darmstadt in ein Sammellager. Das Ehepaar wurde am 30. Sept. 1942 zusammen mit knapp 900 weiteren jüdischen Opfern aus dem ehemaligen Volksstaat Hessen nach Ostpolen (damals: Generalgouvernement (5)) verschleppt, vermutlich in das Vernichtungslager Treblinka. Dort wurden die Menschen unmittelbar nach Ankunft ermordet.

 

Quellen
(3) Hessisches Staatsarchiv Darmstadt - HStAD G 21 B Nr. 5096.
(5) Initiative Gedenkort Güterbahnhof Darmstadt (Hrsg.): Die Deportationslisten. S. 5
(1,2,4) Jüdische Gräber in Gießen. Hrsg. Magistrat der Universitätsstadt Gießen. 1995, S. 102

Louise Kamins-Sher, geb. Elsoffer

Louise Kamins-Sher, geb. Elsoffer

Adresse in Gießen: Landgrafenstr. 8 

Eltern: Hugo Elsoffer und Johanna Elsoffer, geb. Rothenberger
Ruths Mutter stirbt 1917. Sie ist auf dem Neuen Friedhof in Gießen begraben.
Ruths Vater heiratet in 2. Ehe Johanna, geb. Cohen, aus Hamburg 

Geburtsdatum: 22.05.1909 

Geburtsort: Gießen 

Schule: Studienanstalt (heute: Ricarda-Huch-Schule Gießen) 

Studium: Jura 

 

Flucht in die USA; gestorben 1990 in New York

Ruth Edith Chambré, geb. Elsoffer

Adresse in Gießen: Landgrafenstr. 8 (heute steht dort ein Nachkriegsbau)

Eltern: Hugo Elsoffer und Johanna Elsoffer, geb. Rothenberger; Ruths Mutter stirbt 1917. Sie ist auf dem Neuen Friedhof in Gießen begraben. Ruths Vater heiratet in zweiter Ehe Johanna, geb. Cohen, aus Hamburg 

Geburtsdatum: 18.02.1911

Geburtsort: Gießen

Schule: Studienanstalt (heute: Ricarda-Huch-Schule Gießen);

Abitur am 3.3.1930
Sommersemester 1930 - Studium der Medizin in Heidelberg
Wintersemester 1930/31 - Studium der Medizin in Berlin
Sommersemester 1931 - Studium der Medizin in Würzburg
Wintersemester 1931/32 - Studium der Zahnmedizin in Würzburg
Sommersemester 1932 - Studium der Zahnmedizin in Würzburg, Physicum
Wintersemester 1932 - Studium der Zahnmedizin in Würzburg

Oktober 1933 - Flucht nach Frankreich

1934-1936 - Hachsharah (Vorbereitung zur Einwanderung) in Frankreich,  von dort Emigration nach Palästina

1936-1939 - Kibbuz in Palästina

1947 (?) - Heirat mit Ernst-Ludwig Chambré aus Lich und Emigration nach USA

1950-1954 - Studium der Medizin an der New York Academy of Medicine

1954 - Graduation zum Dr. med, Fachärztin für Kinderheilkunde

Ihren Mann Ernst Ludwig Chambré kannte Ruth aus der Tanzstunde in Gießen. Er gründete 1997 die Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich, deren Aufgabe es ist, die Erinnerung an das hessische Judentum aufrecht zu erhalten. Das Ehepaar Chambré hatte keine Kinder.

Ruths Todesdatum ist nicht genau bekannt. Sie starb nach 1998 in New York.

 

Das Haus Landgrafenstraße 8 gegenüber den Gerichtsgebäuden an der Ostanlage - war ein prächtiger dreigeschossiger Bau mit turmartigem Aufbau in exponierter Lage. Ebenso wie das gegenüberliegende Eckhaus betont die Anfang des 19. Jahrhunderts geschaffene städtebauliche "Eingangssituation" von der Ostanlage her die Blickachse Richtung Innenstadt/Stadtkirchenturm. Das Haus gehörte 1933 Hugo Elsoffer zu 7/10, den beiden Töchtern zu je 3/20 (Altaras, Thea: Stätten der Juden in Gießen, 1998)

Nach dem 30. April 1939 mussten jüdische Familien in Häusern jüdischer Eigentümer zusammenziehen. Nach Enteignung wurde ein solches Haus fremdverwaltet, d. h. es wurden Mieter eingewiesen ("Judenhaus" oder "Gettohaus"). Mit Adresse "Landgrafenstr. 8" - einer von zwölf Gießener Adressen vor der Deportation - stehen 27 Personen auf den Deportationslisten von Darmstadt vom 27. bzw. 30. September 1942 (Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsverein NF 85 (2000), S. 55 ff).

Das Haus wurde im Krieg zerstört. Heute steht an der Adresse ein Nachkriegsgebäude.

 

Text: Monika Graulich

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