Bahnhofstraße 78 (ehem. Bahnhofstraße 76) - Max Goldschmidt
Max Goldschmidt
*16.08.1877 in Frankfurt am Main
deportiert nach Auschwitz
ermordet am 24.06.1943 in Auschwitz
Stolperstein verlegt am 26.06.2025
Standort Stolperstein Bahnhofstraße 76 folgt
Text zur Stolpersteinverlegung von Karlotta Zimmer, Schülerin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums Gießen, Jahrgangsstufe 9:
Max Goldschmidt wurde am 16.08.1877 in Frankfurt am Main geboren. Er lebte dort mit seinen Eltern: Bernhard Goldschmidt und Sophie geb. Simon. Seine Eltern gehörten beide der jüdischen Glaubensgemeinschaft an. Somit auch Max Goldschmidt. Im Kaiserreich jüdischen Glauben anzugehören, konnte einem Schwierigkeiten bereiten. Große Teile der Bevölkerung waren schon zu diesem Zeitpunkt antisemitisch und verhielten sich diskriminierend. Wie stark Max Goldschmidt damit konfrontiert wurde, ist unbekannt. Dafür, dass das Thema nicht gänzlich an ihm vorbeiging, spricht seine Berufswahl. Max Goldschmidt wurde Kaufmann. Viele Juden wurde Kaufleute, weil sie in diesem Berufsfeld weniger Diskriminierung begegneten. Mit dieser Berufswahl folgte er seinem Vater, der ebenfalls Kaufman war. Max Goldschmidt war später Generalvertreter in einer Firma namens Anker. Sie produzierte Registrier- und Kontrollkassen. Ich fand in der Zeitung Artikel, in denen Max Goldschmidt Werbung für seinen Vertrieb machte. Unteranderem mit den Worten „Verbucht im Nu, addiert dazu, dir treu zur Seit, So kontrollier dein Geld“.
Am 24.12.1910 heiratete Max Goldschmidt Marie, geb. Schubecker. Marie war evangelisch, aber ist aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Wann sie dies tat, ist unklar. Aber auffällig ist auch, dass auch Max Goldschmidt zu einem nicht bekannten Zeitpunkt aus der jüdischen Gemeinschaft ausgetreten ist. Am 01.01.1911 zog das Ehepaar aus Frankfurt nach Gießen. Hier lebten sie dann in der Bahnhofstraße 76. In Gießen betrieb Max Goldschmidt als Kaufmann wohl nach 1933 eine Warenagentur und war auch Tabakvertreter. Dies tat er bis 1938. Während meiner Recherche konnte ich keinen Grund finden, wieso Max Goldschmidt seine Tätigkeit zu diesem Zeitpunkt einstellte, aber naheliegend ist zu vermuten, dass die Nationalsozialisten ihm eine solche Berufsausübung verboten haben. Denn obwohl Max Goldschmidt aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten war, galt er aufgrund der damals herrschenden Rassenideologie als Jude.
Dadurch, dass Max Goldschmidt mit Marie verheiratet war, befand er sich laut Nürnberger Gesetze in einer „Mischehe“. Die Mischehe schützte ihn vermutlich vorerst vor der Deportation. Als seine Frau 1943 in Gießen starb, fiel dieser Schutz weg und er wurde nach Ausschwitz deportiert und dort am 24.06.1943 von den Nationalsozialisten ermordet.
Das eben Vorgetragene mag sich nach vielen Informationen angehört haben, aber eigentlich waren das alles oberflächliche bzw. lückenhafte Informationen, die von jedem von uns in irgendwelchen Registern vorhanden sind. So ist es nämlich. All diese Information, die Sie über Max Goldschmidt gehört haben, habe ich aus drei Seiten in Akten und Büchern. Keine persönlichen Briefe, Fotos, Berichte oder Tagebücher. Nichts! Von Max Goldschmidt existiert kaum noch etwas. So als hätte es ihn nie gegeben. Was bedeutet es, wenn von einem Leben so wenig übrig ist? Es kommt einem so vor, als wollte jemand, dass man sich an ihn nicht mehr erinnert. Und genau das wollten die Nationalsozialisten. Es war eine Vernichtungspolitik. Ich kann nur vermuten, aber ich glaube, sobald Max Goldschmidt deportiert worden war, haben die Nazis seine Möbel und anderes Eigentum versteigert oder Schmuck und Wertgegenstände beschlagnahmt. Vielleicht sogar Fotos und Briefe oder Tagebücher verbrannt. So das am Ende kaum noch etwas übrig blieb. Das ist doch schrecklich. Ein Leben so auslöschen zu wollen. Und genau deswegen finde ich diese Stolpersteine so wichtig. Sie erinnern an Menschen, die eigentlich durch Vernichtung und Gewalt vergessen werden sollten. Diese Steine sind eine weitere kleine Sache, die wieder an sie erinnert. Nicht nur ein oder zwei Seiten aus Akten.