Erleben

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Bahnhofstraße 50 - Dr. Leopold, Jakobina, Irmgard & Margot Katz

Dr. Leopold Katz
*02.12.1878 in Großen Buseck
geflohen 1935 nach Frankreich
deportiert im Mai 1943 nach Auschwitz
ermordet in Auschwitz
Stolperstein verlegt am 26.06.2025

Jakobina Katz, geb. Grünbaum
*16.12.1890 in Frankenthal
geflohen 1935 nach Frankreich
deportiert und ermordet 1943 in Auschwitz
Stolperstein verlegt am 26.06.2025

Irmgard Katz
*04.12.1912
geflohen 1933 über Frankreich nach Palästina
Stolperstein verlegt am 26.06.2025

Margot Ruth Katz
*26.10.1914
geflohen nach Argentinien
Stolperstein verlegt am 26.06.2025

Standort Stolpersteine Bahnhofstraße 50 folgt


Text zur Stolpersteinverlegung von  Elisabeth Aberschanski, Schülerin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums Gießen, Jahrgangsstufe 9:

Guten Tag, und danke, dass Sie heute hier sind, um gemeinsam mit uns an Leopold Katz und seine Familie zu erinnern.

Leopold Katz wurde am 02.12.1878 in Großen Buseck im Kreis Gießen geboren. Nachdem er die Volksschule seines Geburtsortes bis zum vollendeten 12. Lebensjahr besucht hatte, dann eine Zeit lang privat unterrichtet wurde, ging er seit Ostern 1892 in die Realschule in Gießen, danach ins Realgymnasium in Darmstadt, das er Ostern 1899 mit dem Abitur verließ. Danach studiert er an der Universität Gießen Rechtswissenschaft. Das erste Staatsexamen bestand er 1903. Später absolvierte er das Referendariat am Amtsgericht Grünberg, am Landgericht in Gießen, bei der Staatsanwaltschaft und bei einem Rechtsanwalt. Seinen Wehrdienst leistete er vom 1. April. 1905 bis zum1. April 1906. Leopold Katz war am 05.02.1909 aus Großen-Buseck nach Gießen gezogen und hatte seine Kanzlei seit 1918 hier in der Bahnhofstraße 52. Nach dem Ersten Weltkrieg leitete er eine der größten Kanzleien in Gießen. Seine Ehefrau hieß Jakobina Katz. Sie war in Frankenthal geboren. Sie hatten 1910 geheiratet und hatten zwei gemeinsame Töchter. Ihre Namen waren Irmgard Katz, geboren 1912, und Margot Ruth Katz geboren 1914.  Da Leopold Katz im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient hatte, konnte er später der Ausgrenzungspolitik der Nazis widersprechen, indem er 1943, während er in Haft war, stolz auf seinen Orden, die er im Krieg erhalten hatte, verwies.

Leopold Katz hatte vor 1933 der liberalen israelitischen Gemeinde angehört und engagierte sich grundsätzlich auch in der Politik. Er war nämlich Mitglied in der liberalen DDP und saß 1929 bis 1933 im Kreistag. Das zeigt auch, dass er ein Befürworter der Weimarer Republik war. Jakobina Katz, seine Ehefrau, engagierte sich ehrenamtlich, denn sie war im Vorstand der israelitischen Gemeinde in der Südanlage. Die Lebensumstände der Familie waren immer gut, da Leopold Katz Erfolg mit seiner Kanzlei hatte. Jedoch sollte sich dies mit der Diktatur der Nationalsozialisten verändern.

Im Jahre 1933 wurde Leopold Katz das erste Mal von der Gestapo verhaftet und bald wieder freigelassen. Daraufhin lässt er sich immer öfter krankschreiben und erhält in den darauffolgenden Jahren verschiedene Atteste, die ihn für arbeitsunfähig erklären. Dies führte unter anderem dazu, dass er Einkommen verlor, zumal er immer mehr von den Nationalsozialisten diskriminiert wurde.

Denn in dieser Zeit wurde der Antisemitismus immer spürbarer und in gerichtsinternen Briefen, wurden ihm „Skrupellosigkeit“, „marktschreierisches“ und „hinterlistiges“ Verhalten, vorgeworfen, wohinter sich Antisemitismus verbarg, denn es wurde auch hinzugefügt, dass diese negativen Eigenschaften, die ihm unterstellt wurden, seiner jüdischen Herkunft zuzuschreiben seien. Die Nationalsozialisten fingen nämlich an, insgesamt sehr abwertend gegen Juden zu hetzen und Leopold Katz ist schon sehr früh davon betroffen gewesen. Trotz dieser Niederschläge ließ er sich Leopold Katz nicht vollkommen in die Enge treiben. Denn obwohl sein Wohlstand ab 1933 bergab ging, gab er nicht endgültig auf, sondern versuchte seine berufliche Existenz hartnäckig zu verteidigen, doch am Ende musste er seine Kanzlei aufgeben. Im September 1935 fuhr er nämlich mit seiner Frau zu der Hochzeit einer seiner Tochter in Paris. Er entschied sich dort zu bleiben, da, wie er annahm, die antijüdische Reichsgesetzgebung voraussichtlich immer schlimmer werden würde. Doch leider waren er und seine Frau den Nationalsozialisten damit nicht endgültig entkommen, denn nachdem sie nach Frankreich geflüchtet waren, wurde ihnen vorgeworfen, sie hätten, als sie Deutschland verließen, die für Juden diskriminierend ausgestaltete Reichsfluchtsteuer nicht gezahlt. In einem Prozess waren 1936 deshalb beide in Abwesenheit zu zwei Jahren Gefängnis und 50.000 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Als 1943 beide in Limoges verhaftet wurden, wurden sie nicht sofort in ein Vernichtungslager deportiert, sondern zunächst nach Deutschland, weil sie dort erst einmal ihre Strafen absitzen sollten.  Leopold Katz wurde deshalb am 17. April 1943 in das Gefängnis in Frankfurt-Preungesheim verbracht. Wo Jakobina Katz inhaftiert wurde, ist unbekannt.

In einer Zeit, in der Freiheit, Würde und Menschlichkeit systematisch ausgelöscht wurden, bleibt manchmal nur ein einziges Blatt Papier – um zu hoffen, zu lieben, sich zu erinnern. So ein Blatt Papier, einen Brief, verfasste Leopold Katz in seiner Haft in Preungesheim an seine Frau. Es war zur Abwechslung keine politische Erklärung und keine Anklage, sondern ein Brief voller Sehnsucht und Sorge. „Innigstgeliebte Frau“, so beginnt sein Schreiben. Und schon in diesen zwei Worten spürt man, was ihn noch trägt. Nicht Wut, nicht Hass, sondern Liebe. Er schreibt von schlaflosen Nächten, vom Schmerz der Trennung, von der Angst um ihre Gesundheit. Er zählt die Tage, die Stationen seines Transports (Limoges, Paris, Trier,), als versuche er, dem Chaos um ihn herum wenigstens ein kleines Stück Ordnung entgegenzusetzen. Und zwischen den Zeilen steht alles, was nicht ausgesprochen werden darf: das Wissen um die Unsicherheit des Schicksals, um die Gewalt des Systems, um den drohenden Tod. Doch auch: der Wunsch, menschlich zu bleiben. Für sie stark zu bleiben. Ihr nicht zur Last zu fallen. Denn selbst aus der Gefangenschaft bittet er nicht um Hilfe. Er bittet um ihre Worte. Und einen Moment von Nähe. Dieser Brief ist nämlich der letzte Raum von Nähe in seinem Leben, in welchem die Trennung unter Menschen zur Vorschrift gemacht wurde. Dieser Brief hat Jakobina Katz nie erreicht, er blieb in der Gefängnisakte von Leopold Katz. Ende Mai 1943 wurde Leopold Katz auf Weisung der Gestapo nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Auch Jakobina Katz wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Ihre beiden Töchter erfuhren später nichts von der Inhaftierung ihrer Eltern in Deutschland. Ebenso wenig von dem Brief, den Leopold Katz in dieser Zeit an seine Frau geschrieben hatte. Vermutlich gingen sie davon aus, dass ihre Eltern unmittelbar nach Auschwitz deportiert worden waren. Diese Unwissenheit war kein Zufall, sondern eine direkte Folge der systematischen Abschottung und Verschleierung durch das NS- Regime, das selbst engste Angehörige in Ungewissheit ließ. Beide Töchter sind inzwischen verstorben, ohne jemals über das genaue Schicksal ihrer Eltern erfahren zu haben.

Man sagt: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Deshalb stehen wir heute hier - um ihre Namen zurück ins Licht zu holen. Wir wollen daran erinnern, wer Leopold Katz, wer Jakobina Katz, wer Irmgard und Margot Ruth Katz waren: Menschen mit einem eigenen Leben, einer eigenen Geschichte, mit Gefühlen, Familie und einem Zuhause - genau hier.

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