Erleben

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Alicenstraße 40 - Marcus und Rosa, Dr. Ludwig, Rebekka Rosenthal

Marcus Rosenthal
*14.12.1865 in Philippstein
deportiert am 27.09.1942 ab Darmstadt nach Theresienstadt
ermordet am 08.01.1943 in Theresienstadt
Stolperstein verlegt am 08.09.2010

Rosa Rosenthal, geb. Reich
*12.06.1874 in Wohnfurt
deportiert am 27.09.1942 ab Darmstadt nach Theresienstadt
ermordet am 08.01.1943 in Theresienstadt
Stolperstein verlegt am 08.09.2010

Dr. Ludwig Rosenthal
*29.06.1900 in Philippstein
verhaftet 1938
Buchenwald
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 08.09.2010

Rebekka Aaron, geb. Rosenthal
*28.04.1870 in Philippstein
deportiert am 27.9.1942 ab Darmstadt nach Theresienstadt
ermordet am 11.01.1943 in Theresienstadt
Stolperstein verlegt am 08.09.2010

 

Standort Stolpersteine Alicenstraße 40


Familie Rosenthal

Die drei Senioren gelangten mit dem Transport vom 27.09.1942 nach Theresienstadt. Marcus war 77, Rebekka (seine Schwester) 72 und Ehefrau Rosa 68 Jahre alt. Theresienstadt war Durchgangsstation und Sammellager, deklariert als Altersgetto. Die Menschen kamen hier ums Leben durch die äußeren Bedingungen, mangelnde Versorgung, Krankheiten.

 

Marcus und Rosa Rosenthal

Leben vor der Deportation

Ehepaar Marcus und Rosa, geb. Reich, waren mit ihrem Sohn Ludwig von Philippstein am 14.4.1910 nach Gießen gekommen. 1905 lebten in Philippstein – heute ein Ortsteil von Braunfels – sechzehn Juden.

Marcus war Kaufmann. Er hatte eine Großhandlung in Mühlenfabrikaten, Futter- und Düngemitteln, später in Woll- und Baumwollwaren. Das Anwesen in der Alicenstraße erwarb er 1918. 1933 war er 68 Jahre alt.

1938 muss er ertragen, dass sein Sohn in Buchenwald interniert wird. Im Dezember 1938 richtet er ein Gesuch an die Gestapo in Darmstadt, um Freilassung seines Sohnes, da das Geschäft zum 1.1.1939 aufgelöst werden soll. Es müssen Warenbestände verkauft werden, die 2. Rate Judenabgabe sei fällig und eventuell der Verkauf des Hauses.

Am 15.11.1941 erhält Marcus die Anordnung, die seitherige Wohnung mit allen Angehörigen zu verlassen. Sie werden eingewiesen in die Landgrafenstraße 8, dritte Etage.

Am 16. Januar teilt er dem Postscheckamt in Frankfurt seine neue Anschrift mit. Am 3.3.1942 wird ihm der Verkauf des Hauses an Privat untersagt, da „das deutsche Reich das Haus für Beamtenwohnungen benötigt“.

Am 05.12.1941 musste die Familie das Haus Alicenstraße 40 verlassen und wurde eingewiesen in die Landgrafenstraße 8. Ende September 1942 wurden sie mit weiteren Juden aus Gießen und Oberhessen nach Darmstadt verschleppt.

Ludwig Rosenthal

Ludwig Rosenthal war das einzige Kind seiner Eltern. Er besuchte die Schule zunächst in Philipstein, in Gießen die Oberrealschule (heute Liebigschule, Zeugnisse vorhanden von 1910 – 1915) und studierte Jura an der Universität in Gießen.

Im April 1920 ging er für drei Monate nach Heidelberg als Gerichtsreferendar. Er kehrte zurück nach Gießen und beendete das Studium. Seine Dissertation hatte den Titel „Die völkerrechtliche Handlungsfähigkeit der deutschen Einzelstaaten im früheren und heutigen Reichsrecht“, 1923.

Von Oktober 1920 bis April 1933 war er Rechtsanwalt. Danach arbeitete er im Geschäft seines Vaters.

Herbst 1938: Safeöffnung bei der Bank (danach konnten die Besitzer nicht mehr nach Belieben Geld abheben oder über Wertpapiere und Grundbesitz verfügen).

Nachdem den jüdischen Rechtsanwälten zum 30. Nov. 1938 die Zulassung entzogen worden war, konnten sie die Zulassung als Konsulent beantragen. Sie durften dann ausschließlich für jüdische Mandanten tätig werden. Für den Antrag musste Ludwig Rosenthal im Oktober 1939 die Geburtsurkunde der Großmutter väterlicherseits beibringen. Das Personenstandsgesetz war von 1874. Davor wurden Geburten von den Pfarrern festgehalten. Ludwig musste also mühsam die jüdischen Gemeinden der Eltern und Großeltern aufsuchen.

Am 10. November 1938 wurde Ludwig Rosenthal nach Buchenwald verschleppt. Er erhielt die Nummer 21265 und war neun Wochen bis Ende Dezember interniert.  Er wurde entlassen unter der Auflage, schnellstens auszuwandern.

Voller Verzweiflung griff er nach jedem Strohhalm: Touristenvisum für Brasilien, Anfragen zu Bolivien, Kuba, USA, China. Er bemüht sich weiterhin um Auswanderung: Auswanderungsantrag USA vom 24.8.1938, Nr. 224 864. Da dies eine Nummer mit langer Wartezeit ist, meint er, sich bis dahin in den Niederlanden oder England aufhalten zu können.

Als letzter „Konsulent“ in Oberhessen konnte er als Interessenvertreter tätig werden, aber nicht mehr vor Gericht auftreten. Nachdem sein Kollege Dellevie in Kassel ausgewandert war, hielt Rosenthal auch in Kassel Sprechstunden ab.

Ludwig Rosenthal war unverheiratet.

Ludwig Rosenthal wurde von Eltern und Tante getrennt und gehörte zum Transport vom 30.09.1942 von Darmstadt in die Vernichtungsstätte Treblinka (vermutlich). Alle Menschen in diesem Transport wurden unmittelbar nach Ankunft ermordet.

Rebekka Aaron, geb. Rosenthal

Häufig vorkommende Konstellation: Angehörige eines Ehepartners lebt mit im Haus/in der Wohnung. Hier war es die Schwester von Marcus Rosenthal, Frau Rebekka Aaron, geb. Rosenthal. Ihr Ehemann, mit dem sie in Puderbach, Kr. Neuwied (wenige Kilometer nördlich von Koblenz) gelebt hatte, war am 09.05.1935 verstorben.

Der Sohn Ludwig Aaron starb am 22. Juli 1937 im Uni-Klinikum in Gießen.

 

Quellen
Stadtarchiv Gießen
Hauptstaatsarchiv Wiesbaden

 

Text: Monika Graulich

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